Mobiles Atelier
NICHTS und noch viel mehr
Abb. Projekt Daniel Schürer
Vier Jahre erfolgreiche Arbeit liegen hinter dem Mobilen Atelier. Im Jahr 2006 wurde in Hannover der Grundstein für ein mittlerweile bundesweit beachtetes Künstlerprojekt an Kindertagesstätten gelegt. Nachdem in den ersten beiden Jahren eine Gruppe von vier hannoverschen Künstlerinnen in ca. 30 Kindertagesstätten der Region Hannover alles auf den Kopf gestellt und mit künstlerischer Anarchie den Kindern ganz neue kreative Aktivitäten entlockt hatte, wanderte das Projekt über die Grenzen Hannovers hinaus. Braunschweig und Salzgitter waren die nächsten Stationen. Neue Künstler kamen hinzu und bereicherten das Spektrum kreativer Ansätze um ein Vielfaches.
Begeisterte Kinder, enthusiastische Erzieherinnen und beeindruckte Eltern hier wie dort.
Das Mobile Atelier versteht sich als Ergänzungsangebot frühkindlicher kultureller Bildung. Das Thema kulturelle Bildung ist wesentlicher Bestandteil unseres Zeitgeistes.
Es prägt die öffentliche Diskussion in Politik und Gesellschaft und steht auf der Agenda notwendiger gesellschaftlicher Wandlungsprozesse weit oben.
Zahlreiche Studien belegen seit einigen Jahren einen eklatanten Mangel an Bildung und am kognitiven Leistungsniveau bei Kindern und Jugendlichen. Über Ursache und Wirkung wird intensiv geforscht. Doch wie bereits Karl Jaspers in seiner »Kulturkritik« von 1932 bemerkte, erklären sich der Geist und der Zustand unserer Zeit nicht nur aus der Gegenwart, sondern aus der sie prägenden Vorgeschichte.
In dieser logischen Konsequenz können auch die Defizite bei Kindern und Jugendlichen als Folge einer Entwicklung gesehen werden, die vielschichtige Ursachen hat und deren Wirkungsmechanismen weit zurückreichen.
Heutzutage wissen wir sehr viel mehr über die Folgen falscher Pädagogik, mangelnder Zuwendung und über die Auswirkungen von Gewalt auf die kindliche Seele. Studien aus dem Bereich der Gehirnforschung haben nicht nur sichtbar werden lassen, wie Eltern ihre Sprösslinge durch gezielte frühkindliche Bildungsformen zur »Elite« trimmen können, sie haben auch gezeigt, welche unaufholbaren geistigen Defizite bei Kindern entstehen, wenn diese im frühkindlichen Alter nicht hinreichend gefordert und gefördert werden oder negativen Einflüssen ausgesetzt sind.
Diese gewonnene Erkenntnis ließ in den vergangenen Jahren zahllose Projekte entstehen, die sich um ein verbessertes Kindeswohl bemühen. Bildungsträger, soziale Einrichtungen, aber auch kulturelle Initiativen entwickeln permanent spezifische Programme für unterschiedliche Altersgruppen.
Das Mobile Atelier ist nur ein Projekt von zahllosen, und doch ragt es deutlich sichtbar daraus hervor.
Was macht das Besondere dieses Projektes aus? Da sind die vier hannoverschen Künstlerinnen Ute Heuer, Kirsten Mosel, Andrea v.Lüdinghausen und Claudia Wissmann, die die Idee für das Mobile Atelier hatten. Die Methodik ihres eigenen künstlerischen Schaffens wurde zum Ansatz für die Arbeit mit den Kindern.
Von diesem Ausgangspunkt aus entwickelten sie einwöchige Workshops in den Kitas, die für Kinder und ErzieherInnen alles bisher Bekannte auf den Kopf stellten. Jeder wurde beteiligt und in den künstlerischen Schaffensprozess integriert.
»Die Kinder und die Kunst ernst nehmen« kann als Leitspruch über dem Mobilen Atelier stehen. Mit absoluter Konsequenz wurde dieses Konzept verfolgt. Es fand seine vielleicht schönste Steigerung im Ansatz des Künstlers D. Schürer, der die Kinder aus ihrer Rolle herausholte und ihnen Namensschilder zukommen ließ: Herr Stavros Davidakis, Frau Anna- Lena Schröder* … und sie selbstverständlich siezte.
Derselbe Künstler, D. Schürer, war es auch, der mit den Kindern eine »Annäherung an das NICHTS« erprobte. Er trieb damit nicht nur künstlerisches Denken auf die Spitze und zitierte aus der Avant- garde der 1980er Jahre, sondern forderte die kindliche Vorstellungskraft und deren Fähigkeiten aufs Äußerste heraus: sich nicht bewegen, Nichts tun, Nichts sehen, das NICHTS aushalten, in seiner ganzen Dimension.
Die Kinder wurden von allen KünstlerInnen auf eine besondere Weise ernst genommen, sie wurden angeleitet zum freien kreativen Schaffen, zum unbändigen, aber auch zum kontrollierten Umgang mit Materialien unterschiedlicher Art. Sie begegneten Künstler- persönlichkeiten, die sich in ihrer unkonventionellen Art vom all- täglichen Umfeld der Kinder erfrischend abhoben.
Hannover, Braunschweig und Salzgitter. Aus einer kleinen Flamme wurde mittlerweile ein Flächenbrand. Die erste, im Jahr 2007 erschienene Dokumentation der Projektphase in Hannover fand im gesamten deutschsprachigen Raum begeisterte Abnehmer. Kindergärten und Kindertagesstätten
aus dem gesamten Bundesgebiet begriffen die Dokumentation als Anleitung zum Selbermachen. Die Verleihung des »Zukunftspreises Jugendkultur« der PwC-Stiftung auf dem Bundeskongress »Kulturelle Bildung« in Saarbrücken im Jahr 2007 bedeutete die Krönung der erfolgreichen Arbeit.
Die Gruppe der beteiligten Künstler- Innen wurde immer größer. Kirsten Mosel und Andrea v. Lüdinghausen suchten mit sicherem Gespür im regionalen und überregionalen Umfeld KünstlerInnen, die methodisch, künstlerisch und von ihrer Persönlichkeit her eine Bereicherung für das Projekt wurden. Es wurden nicht nur die Räume der Kindertagesstätten bespielt, sondern auch das urbane Umfeld: Plätze, leer stehende Ladenlokale und Kirchen. Der Aktionsradius der Kinder erweiterte sich dadurch nicht nur sinnlich-geistig, sondern auch räumlich.
Vom kleinsten gemeinsamen Nenner, dem NICHTS, bis hin zu Baustoffen, Mobiliar und Medien reichte das Instrumentarium des Mobilen Ateliers. Es wurde inszeniert und dramatisiert. Einrichtungen und ErzieherInnen wurden in Ausnahmezustände versetzt, mit gravierenden Folgen. Nichts war nachher wie zuvor, vor allem nicht in den Köpfen der Kinder und der ErzieherInnen. Kaum eine Einrichtung ging danach zur Tagesordnung über.
Viele entwickelten eigene, neue Projekte und wurden dabei von den KünstlerInnen beraten und betreut. Die Nachhaltigkeit dieses Projektes, das nun schon vier Jahre lang wirken konnte, macht es zu einer Ausnahmeerscheinung.
Zahlreiche Stiftungen, unter denen sich mittlerweile auch bundesweite Stiftungen befinden, ermöglichten eine Fortführung dieser erfolgreichen künstlerischen Arbeit,
die seinerzeit von hannoverschen Künstlerinnen sowie der Stiftung Kulturregion Hannover entwickelt wurde.
Wir sind stolz darauf, dieses Projekt im Jahr 2006 mit aus der Taufe gehoben zu haben und es bis heute begleiten zu können.
Hauke Jagau | Walter Kleine
Vorstand der Stiftung Kulturregion Hannover
