NICHTS – eine Annäherung in D-Schürer

DANIEL SCHÜRER | Salzgitter Kindertagesstätte St. Elisabeth | 26.–30.10.2009

Foto: Roland Schmidt

D. Schürer hat mir den Auftrag erteilt, etwas zu schreiben, genauer gesagt, er hat mir den Auftrag gegeben, über sein Projekt NICHTS in Salzgitter zu schreiben. Er hat des Weiteren gesagt, dass es ansonsten andere täten, die es auch nicht besser könnten. Er versteht zu begeistern – oder treibt ihn nur die Lust, Erwartungen, wenn überhaupt, dann nur dürftig zu erfüllen? Für meinen Teil erwarte ich von seinen Projekten viel, zumindest ein Stückchen Seele, und bei seiner Frequenz kann das im besseren Fall lebensbedrohend werden.





D. Schürer bekommt im Rahmen des Mobilen Ateliers einen Kindergarten in Salzgitter-Lebenstedt/Niedersachsen zugeteilt. Kita St. Elisabeth, katholisch, ca. 80 teilnehmende Kinder zwischen zwei und sechs Jahren, mit entweihter Kirche und leerem Pfarrhaus dazwischen.

Er lädt selbständig den Kollegen Alexander Steig/Luxemburg ein, er soll ihm während der fünf Tage zur Seite stehen. Dazu darf er auf die Unter- stützung des Kunstteams rechnen, Frau Schramm und Frau Schaper, zwei sehr befähigte Erzieherinnen, die während der Projekttage von ihren gewöhnlichen Aufgaben entbunden sind. Im Vorfeld entsteht ein 12-sei- tiges Büchlein, Auflage 1000 – Einführung, Wegzehrung und Einladung zur Abschlussveranstaltung gleichermaßen. Darauf der Titel: NICHTS – Eine Annäherung in D-Schürer.

Foto: Kirsten Mosel

Foto: Daniel Schürer

Darin alle teilnehmenden Kinder, leicht verwischt, unkenntlich gemacht und doch noch da. Wer Schürer kennt, erfährt einmal mehr, was es heißt, einen autonomen Rahmen im Rahmen aufzuziehen. Hier löst sich der geladene Künstler von der Initiative und fängt an, seinen Acker von Grund auf zu bearbeiten, zu verwalten, zu bepflanzen und zu vermarkten. Schürer hatte zum Ziel, mit allen Kindern der Kindertagesstätte das breite Spektrum der Kultur durchzuarbeiten: Zeichnung, Malerei, Skulptur, Musik, Film, Tanz und Theater, daneben noch die Rollen des Kritikers und des Zu- schauers. Vorsorglich übertitelt er die Angelegenheit thematisch: NICHTS.

Ein Schachzug, der pädagogisch wertvolle Beschäftigungstherapien geradezu im Keim erstickt. Wer wird in dieser Gesellschaft schon angehalten, NICHTS zu machen? Fünf Tage arbeiteten Schramm, Schaper, Steig und Schürer mit den jungen Menschen zusammen, und wer die Abschlussver-anstaltung gesehen hat, ist sich sicher: Hier hat sich keiner geschont, hier wurde keinem etwas geschenkt. Als Ausstellungsort diente eine entweihte Kirche, Stahlbeton, ~1000 m2 Fläche, mit Orgel, Kreuz, Bleiverglasung und Taufbecken. Hier wurden Teile der Ergebnisse gezeigt, und sie waren so kurzweilig und anrührend, dass es auch mir Tränen in die Augen trieb.

Im Eingangsbereich gab es dokumentarische Fotoauszüge der vergangenen Tage nebst Kinderpunsch und Spekulatius. Dann eröffnete sich der Kirchenraum, beleuchtet durch spärliches Kirchenlicht und Kerzen. Gerahmt von 78 DIN-A0 großen weißen, geknitterten, gerissenen Blättern erstreckte sich das Nichts einer nicht mehr im Betrieb befindlichen Kirche, und in diesem Nichts versammelten sich die Kinder mit ihren vier Mentoren. Alle mit einem Musikinstrument ausgestattet, davor ein Brummkreisel, davor die zahlreich erschienenen Eltern und Verwandten, davor die DIN-A0-Zeichnungen, davor der Eingangsbereich, davor die Welt. Es sollte zu Anfang ein Livekonzert aufgeführt werden, angelehnt an das Stück »4‘33“« des amerikanischen Komponisten John Cage. Der Kreisel war Dirigent, und mit seiner Bewegung und seinem Brummen fingen die Kinder an, ihre Musikinstrumente zu spielen, auszuprobieren, ähnlich einem Orchester, das sie stimmt. Der Kreisel trudelte, stoppte, verharrte. – Und die Kinder taten es nach und nach auch. Kinder zwischen zwei und sechs Jahren, mit Instrumenten ausgestattet, verharren für eine gefühlte Ewigkeit in Stille.

Tosender Applaus, die Kinder, die Anführer verbeugen sich, Steig stellt zwei Videoprojektoren an und zusätzlich zwei Fernseher. Es folgte der zweite Streich. Neben der Orgel und dem Kreuz sieht manjedes einzelne Kind als große Projektion damit beschäf- tigt, 20 Sekunden NICHTS zu machen. Sie kämpfen, mit sich und den Tränen, mit ihrem Bewegungsdrang und der Ernsthaftigkeit der an sie herangetragenen Aufgabe. Die Struktur der Projektionsfläche (Ziegelklinker) gibt dem ganzen Bild etwas noch Groteskeres. In einem kleinen Seitenarm der Kirche verstecken sich zwei Fernseher. In ihnen sieht man zwei Filme. Einmal fünf Kinder in einem Zelt, die sich ein kleines »Theaterstück« anschauen. Dabei handelt sich um eine Spielzeuguhr, in der ein tanzender Clown den Ball von einer Hand zu anderen wirft. Die Kinder amüsieren sich, lachen, fragen sich, sind gefangen.

Foto: Roland Schmidt

Auf dem anderen Fernseher sieht man die fünf Besucher in einer Art Podi- umsdiskussion. Alle haben ein Namensschild an der Seite, ein Glas Wasser vor sich. Sie werden mit »Sie« angesprochen, mit Herr … und Frau … vorgestellt. An jeden Einzelnen werden drei Fragen gerichtet. Was haben Sie gesehen? Wie hat es Ihnen gefallen? Würden Sie es weiterempfehlen? Die Kinder kommen an ihre Grenzen, manche verstehen die deutsche Sprache nicht, andere stehen Antwort und beziehen Position. 16 Durchgänge mit jeweils fünf Theaterbesuchern, die zu Kritikern werden. Die Mentoren kommen an ihre Grenzen. Die Ausstellungsbesucher scharen sich gedankenverloren um das Ausstellungsstück. Was hätten sie gesagt, wie hätten sie sich verhalten, was macht ihr Kind. NICHTS oder wie ist die Annäherung meines Kindes an solch ein komplexes Thema, wie wäre die eigene Annäherung ans NICHTS, hier in Salzgitter-Lebenstedt?
Schürer, Schramm, Steig, Schaper und den Kindern ist eine Ausstellung geglückt, die kaum einer unter den sogenannten Kunstinteressierten gesehen hat, die aber jeder hätte sehen sollen. Als Beispiel für eine kunstrelevante Arbeit in Auseinandersetzung, in Zusammenarbeit mit Kindern.

Ä. Beineberg, Berlin Marzahn 04.11.2009

Foto: Daniel Schürer

Foto: Daniel Schürer

Foto: Roland Schmidt

Foto: Roland Schmidt

Foto: Roland Schmidt

Foto: Roland Schmidt