Horizont

ANNA GRUNEMANN | Salzgitter Kindertagesstätte Regenbogenland | 19.-23.11.2009

Foto: Roland Schmidt

Zunächst wollte ich in meinem Projekt auf die Besiedlungsstruktur mit ihrer auffälligen Häufung von Russlanddeutschen in diesem Viertel eingehen. Der sogenannte Rote Platz nahe der Kindertagesstätte bot sich hierfür an. Ich bin froh, bei der Besichtigung des Umfeldes auf ganz andere Auffälligkeiten gestoßen zu sein.

Es gibt viel Himmelblick in Lebenstedt und eine merkwürdige Konzentration verschiedener Bautypen. Man sieht durch die unterschiedlichen Bautypen auch immer einen ganz spezifisch anderen Horizont.
Mein Ziel war, den Kindern die Umgebung, die sie täglich nutzen, unter anderen Vorzeichen zu zeigen und daraus eine Bildidee abzuleiten. So arbeite ich selbst im öffentlichen Raum – Blicke lenken und den Passanten für das Gewöhnliche sensibilisieren.

Die Ausgangsfrage lautete: Was ist eigentlich der Horizont? Der große Turnraum wurde zum Atelier umgewidmet, für die kommenden Tage zum Basislager und schlussendlich zum Ausstellungsraum.

Foto: Anna Grunemann

Foto: Roland Schmidt

Am ersten Tag suchten wir den Horizont mit dem Kompass und zeichneten diesen auf einer 10 Meter langen Folienbahn. Die Kinder malten die Häuser, die Bäume, auch einen Mann, der den Weg kreuzte. Dieses Bild war zeichnerische Bestand-aufnahme der festgelegten Richtung.


Der dritte Tag galt dem »eigenen Horizont«, den die drei- bis vierjährigen Kinder mit der Fotokamera festhalten und später im Atelier umsetzen sollten. Im langsamen Schwenk konnten sich die Akteure ihren persön- lichen Blickwinkel aussuchen. Sie selbst kamen mit auf ihr Horizontfoto, und der jeweilige Partner durfte die Kamera auslösen. Auf diese Weise kam jedes Kind zu seinem eigenen zweidimensionalen Horizontbild. Der Fotoausdruck wurde in eine Klarsichthülle gesteckt und die Horizontlinie mit Knete auf die Hülle »gemalt«.

Am zweiten Tag wurde dieses Bild vereinfacht, hin zur Linie. Nun klebten die Kinder auf Transparentpapier die Linie, an der Himmel und Welt sich berühren. Ein Junge bemerkte: »Der Horizont ist doch gar nichts Besonderes – er ist immer da.«

Am vierten Tag wurde die eben noch in der zweiten Dimension verhaftete Linie in den Raum überführt: Wir bogen einen langen Draht und befestigten ihn auf Stelzen. Die Kinder hatten dafür Stöcke oder Besenstiele mitgebracht. Damit der Draht »zu leben« begann, wurde er umwickelt und gestaltet.

Am letzten Tag wurden die Horizonte gruppenweise an den Ort zurückgebracht, wo sie gefunden worden waren und der entsprechenden Himmelsrichtung nach ausgerichtet. So hätte man sogar das Original mit dem dreidimen- sionalen Bild vergleichen können. Die Baustelle sperrten wir für die Aufbauzeit mit Flatterband ab. Die Kinder schlugen ihre Stelzen, so weit sie es selbst konnten, in den Boden und verankerten sie. Zur Eröffnung der Ausstellung begrüßte ein Kreuz aus den Horizontrichtungen die Eltern, die zahlreich erschienen waren. Die Kinder berichteten von der Entstehung und Bewandtnis dieser Skulptur, um sie anschließend in einer langen Prozession zum Kindergarten zurückzutragen. Im Ausstellungsraum wurden alle drei Horizontskulpturen zu einer großen, kompakten Form zusam- mengestellt. Die Horizontformen kehrten zurück – verwandelt in eine Skulptur.

Anna Grunemann

Foto: Anna Grunemann

Foto: Anna Grunemann

Foto: Anna Grunemann

Foto: Anna Grunemann